Evidenz-Update mit DEGAM-Präsident Martin Scherer

Ein „Gamechanger“ und die Rolle der Hausärzte

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Vorläufige Daten zur Corona-Vakzine BNT162b2 haben diese Woche für Aufsehen gesorgt: Börsenkurse sind sprunghaft gestiegen, Politiker und Journalisten haben gejubelt und weltweit keimte die Hoffnung, ein Mittel gegen die Pandemie gefunden zu haben. Obwohl die Hersteller BioNTech und Pfizer die Zulassung beantragen werden: Die bekannten Daten sind bislang spärlich. Kann der Impfstoff also wirklich zu einem „Gamechanger“ werden?

Klar ist schon jetzt: Nicht jeder wird sofort eine Impfung erhalten können – dafür bräuchte es weltweit fast 16 Milliarden Impfdosen. Auch in Deutschland wird deswegen priorisiert werden, wer zuerst dran kommt: Risikogruppen, Ärzte und Personal kritischer Infrastruktur. So siegt es die Empfehlung von STIKO, Ethikrat und Leopoldina vor. Eine richtige Reihenfolge?

Und bei allem gebotenen Schutz der vulnerablen Gruppen in unserer Gesellschaft: Sind wir in der Pandemie nicht zu paternalistisch geworden? Wo bleibt der Blick auf den Einzelnen? Und wie geht das mit Schutz der Gesellschaft und des Gesundheitswesens zusammen?

Quellen:

  1. Geissel, W. Corona-Impfstoff zeigt 90 Prozent Schutzwirkung in Phase-III-Studie. Ärzte Zeitung. 9.11.2020. https://www.aerztezeitung.de/Nachrichten/Corona-Impfstoff-zeigt-90-Prozent-Schutzwirkung-in-Phase-3-Studie-414484.html
  2. Gemeinsames Positionspapier von STIKO, DER und Leopoldina. Wie soll der Zugang zu einem COVID-19-Impfstoff geregelt werden? 9.11.2020. https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/gemeinsames-positionspapier-stiko-der-leopoldina-impfstoffpriorisierung.pdf
  3. Nößler, D. Minister beschließen Corona-Impfstrategie – Arbeit für die KVen. Ärzte Zeitung. 8.11.2020. https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Minister-beschliessen-Corona-Impfstrategie-Arbeit-fuer-die-KVen-414465.html
  4. Bavli Itai, Sutton Brent, Galea Sandro. Harms of public health interventions against covid-19 must not be ignored BMJ 2020; 371: m4074. doi: https://doi.org/10.1136/bmj.m4074

Kommentare

Dr. Hanneli Döhner, Vorstandsvorsitzende der Allianz pflegende Angehörige - Interessengemeinschaft und Selbsthilfe e.V., Hamburg -
by Dr. Hanneli Döhner, Vorstandsvorsitzende der Allianz pflegende Angehörige - Interessengemeinschaft und Selbsthilfe e.V., Hamburg - on
Pflegende Angehörige: Immer wieder wird von Angehörigenvereinen und Sozialverbänden angemahnt, dass die zentrale Rolle der pflegenden Angehörigen in der Versorgung insbesondere der älteren Menschen mit Vorerkrankungen, aber auch vieler jüngerer Menschen - also der primären Risikogruppe - nicht ausreichend im Blick ist. Gerade aus hausärztlicher Sicht sollte die Familie als Ganzes doch im Blick sein und nicht nur die pflegebedürftige Person. Oder darf ich es so verstehen, dass die pfleg. Angehörigen selbstverständlich zu der Gruppe mit 2. Priorität - "Gesundheitspersonal" gezählt werden? Wenn ja, ist die Erreichbarkeit natürlich nochmal ein besonderes Thema. Zumindest die offiziellen "Pflegepersonen" - ein Teil der pflegenden Angehörigen - könnten ja direkt über die Pflegekasse erreicht werden. Ist so etwas vorgesehen? Oder welche Alternative ist möglicherweise angedacht?
Thomas M.
by Thomas M. on
Lieber Herr Scherer, lieber Herr Nößler, danke für diesen Podcast, der ja sehr viele Bereiche streifte. Eine Frage zum Ethikpapier und der Priorisierung: Priorität 1 halte auch ich in verschiedener Hinsicht insb. aber auch ethisch für eine gute und sinnvolle Priorität. Auch 2 und 3 ist aus epidemiologischer und gesellschaftlicher Sicht sicherlich eine richtige Wahl. Was ich mich allerdings auf der individuellen Ebene frage: Wie soll bei diesen beiden Gruppen die Freiwilligkeit gewähleistet werden? Vor zwei Jahren hatten wir ja schon mal eine ähnliche Diskussion bei der Masernimpfung (nur ging es dort auch gleichzeitig noch um die Möglichkeit einer kompletten Elimination eines Krankheitserregers und wir haben einen bekannt sehr wirksamen und langjährig erforschten Impfstoff). Damals stellte sich die DEGAM gegen eine Pflichtimpfung. Bei COVID-19 oder SARS-CoV2 ist keine Impfpflicht geplant, aber wie soll ein Bürgermeister oder ein Arzt, oder ... diese Impfung aus freier Entscheidung verweigern können? Der moralische Druck, aber bei angestellten (insb. Krankenhausärzten) auch der Druck durch die Arbeitgeber wird so hoch sein, dass es nur eine scheinbare Freiwilligkeit geben wird/kann. In viel geringerem Maße sehen wir dies schon beim Mamographiescreening oder der Früherkennungskoloskopie (und bei diesen Beispielen ist es ja nur eine rein individuelle Entscheidung, die keinerlei Konsequenz für die Gesellschaft hat). Hier wird duch den GBA wirklich versucht eine sehr ausgewogene Information zu geben. Trotzdem wird jedes Jahr in großen Pressekonferenzen über die "nicht ausreichende" Quote an Screeningteilnehmern berichtet und einem als Nicht-Teilnehmer eine Verantwortungsarmut suggeriert. Wie wird dies nun dann erst bei der Impfung für Prioritätengruppe 2 und 3?

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